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Projekt

Der Pre Bell Man von Nam June Paik - Eine Ikone der Medienkunst kehrt zurück!

Mit dem Paik-Projekt soll die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von Video-Kunst im Allgemeinen und einen ihrer Pioniere - den koreanischen Medienkünstler Nam June Paik - gelegt werden. 1990 schuf er zur Eröffnung des Neubaus des Museums für Kommunikation Frankfurt eine 4,10 Meter hohe Reiterfigur. Der Pre Bell Man gehört zu den größten figurativen Skulpturen im Werk des bis zu seinem Tod 2006 global agierenden und international viel rezipierten Koreaners.

Nam June Paiks kritische Haltung zur Bedeutung der Medien für Individuum und Gesellschaft kommt durch die Gestaltung in Anlehnung an ein klassisches Reiterstandbild zur Geltung: Während das Pferd ein Abguss nach einem Original aus der Renaissance ist und wie ein Objet trouvé verwendet wird, ist der Reiter aus historischen Kommunikationsgeräten aus der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, zu der das Museum für Kommunikation Frankfurt gehört, zusammengesetzt worden.

Die Aufstellung im Freien vor dem Museumsgebäude am Frankfurter Museumsufer führte nach mehreren Restaurierungen 2012 zur Einlagerung im Museumsdepot. Das Projekt umfasst die in der Geschichte von Paiks Videokunstwerken einmalige Restaurierung als Neuschöpfung mit historischen Objekten, eine vorbereitende internationale Tagung und eine vermittelnde Begleitausstellung.

Das Museum für Kommunikation Frankfurt bewahrt durch die Wiederaufstellung des Pre Bell Man die größte Video-Skulptur im öffentlichen Raum, die Nam June Paik jemals als Auftragsarbeit entwickelt hat. Die Einbeziehung der technikhistorischen Sammlung von Kommunikationsgeräten in die Konzeption des als klassisches Reiterdenkmal angelegten Pre Bell Man ist im Spektrum seiner Arbeiten einmalig.

Der Pre Bell Man vor dem Museum für Kommunikation Frankfurt © MSPT

Das Pferd: Original und Nachschöpfung © MSPT

Tagung

Durch die Tagung "Der Pre Bell Man von Nam June Paik - Eine Ikone der Medienkunst kehrt zurück!" am 14. März 2019 im Museum für Kommunikation Frankfurt erhält die mit dem beauftragten Aufstellungsort im Freien verbundene Problematik der angemessenen Konservierung einen Diskussionsraum bei internationalen Fachkreisen und in der Öffentlichkeit.

Ausstellung

Die begleitend zum Wiederaufbau geplante Ausstellung trägt zur Vermittlung von Mixed Media Kunst, den Eigenarten des Mediums im Allgemeinen und der Bedeutung von Nam June Paiks Werk im Besonderen bei. Die darin angelegte medienkritische Haltung ist ein Paradigma für die Museumsarbeit und spiegelt sich in der Konzeption der 2017 eröffneten Dauerausstellung "Mediengeschichten neu erzählt" und der damit verbundenen Neuausrichtung zur digitalen Transformation.

Nam June Paik

Nam June Paik, der in den 1960er Jahren in Düsseldorf mit Joseph Beuys als Fluxus- und Aktionskünstler arbeitete, erreichte 1982 mit Einzelausstellungen in Paris und New York weltweite Bekanntheit. Er gilt als Pionier der Videokunst. Seine Satellitenaktion von 1984 - "Good Morning Mr. Orwell" erreichte als TV-Übertragung 25 Mio. Zuschauer. Die globale Vernetzung zwischen Paris, New York und San Francisco in Echtzeit war die bis dahin größte künstlerische Aktion unter Nutzung neuer technischer Möglichkeiten. Zwischen 1984 und 2002 erwarben alle namhaften Museen mit Sammlungen zeitgenössischer Kunst Video-Werke von Nam June Paik. Die größte seiner Medienskulpturen in der Region öffentlich zu bewahren, ist das Ziel des Museums. Vor dem Hintergrund der Entwicklung digitaler Technologien und ihrer Verbreitung als Massenmedien hat das Kunstwerk von 1990 an Aktualität sogar noch gewonnen. Die Begleitausstellung vermittelt dies und regt Bewohner der Region zur kritischen Reflexion an.

Entstehung

Ein Wahrzeichen für den Eingang des neuen Museums

1989 gab das Museum für Kommunikation Frankfurt bei dem bereits zu Weltruhm gelangten Nam June Paik eine Video-Skulptur zur Eröffnung des Neubaus in Auftrag. Dafür stellte es Objekte, Geräte und Bauteile von Radio- und TV-Geräte aus der eigenen reichhaltigen Sammlung zur Verfügung. Die Herkunft des Pferdes ist nicht ganz geklärt, aber man geht davon aus, dass der Künstler das Pferd in einem Trödelladen erworben hat.

Die Reiterfigur ist aus verschiedene Apparaten der Kommunikationstechnik zusammengesetzt. Sie bilden zusammen den Körper des Reiters und veranschaulichen zugleich Kommunikationsmedien aus unterschiedlichen Epochen.

Ein Radio aus den 1930er Jahren, ein so genannter "Volksempfänger", bildet den behelmten Kopf. Durch die Anordnung der Lautsprecheröffnung und der Drehknöpfe entsteht der Eindruck eines Gesichts hinter dem Visier eines Helms. Übereinandergesetzt bilden ein Radio- und ein Fernsehgerät den Rumpf. Der rechte Arm aus einem Allverstärker wirkt wie eine Lanze, er mündet in einem sogenannten Vorschaltwiderstand. Der linke erhobene Arm endet in einem Schutzschild aus einer Verbindung von Test- und Prüfantenne für Richtfunk.

Paik arbeitet seit Mitte der 1980 Jahre mit Komposita von in der Mehrzahl Fernseher-Gehäusen und baut daraus humanoide Video-Skulpturen. Darin setzt er das Massenmedium TV in Bezug zum Betrachter und schafft einen Anlass zur Reflexion über das Verhältnis von Mensch und Medium.

In der Skulptur des Pre Bell Man gewinnen die historischen Objekte eine Bedeutung für die Mediengeschichte im 21. Jahrhundert. Vor dem Hintergrund der digitalen Entwicklung hat das Statement von Nam June Paik an Aktualität noch gewonnen.

Im Eingangsbereich des Museums für Kommunikation ist es eine kraftvolle Begrüßung der Besucherinnen und Besucher und bildet gleichsam den Auftakt zur Erkundung der Mediengeschichte. Der Reiter wurde 1990 auf dem Museumsplatz montiert.

Aufbau von Name June Paiks Pre Bell Man vor dem Museum für Kommunikation Frankfurt, 1990 © MSPT

Restaurierung

Gegen die Vergänglichkeit: Konservierung oder Nachschöpfung?

Restaurierungsarbeiten am Pre Bell Man im Jahr 2007 © MSPT

1990 - 2012

Für den Außenbereich geschaffen, war der Pre Bell Man von Nam June Paik von Beginn an Temperatur- und Witterungseinflüssen ausgesetzt. Rasch wurde er zum Wahrzeichen des Museums für Kommunikation Frankfurt und schrieb sich in die Ansicht der Fassade des modernen Gebäudes von Günter Behnisch am Frankfurter Museumsufer ein. Eine Veränderung des Aufstellungsorts kam daher aus Museumssicht nicht in Frage als der Pre Bell Man restauriert werden musste.

Als einem der prägenden Künstler der Fluxus-Bewegung in den 1960er Jahren war er dem künstlerischen Konzept verpflichtet. Er bestand nicht auf dem Erhalt des Materials, wenn es notwendig wurde, etwas zu ersetzen, damit die Funktion erhalten blieb. Stets betonte er, ihm war wichtig, dass sein Werk "angemessen" existiert.

Bereits wenige Jahre nach der umfangreichen Restaurierung 2006 wurden erneut Maßnahmen zum Erhalt des Kunstwerks notwendig und 2012 wurde der Pre Bell Man im Depot eingelagert. Es setzte eine lange Zeit der Recherchen ein. Erwogen wurde eine Aufstellung im Innenraum nach der Sicherung der Substanz.

Nam June Paik war die Vergänglichkeit der jeweils aktuellen Technologie und die daraus resultierenden Konsequenzen für den Erhalt der Funktion bewusst. 1995 nahm er an dem ersten großen Symposion "Wie haltbar ist Videokunst?" im Kunstmuseum Wolfsburg teil. Er ermutigte Restauratoren und Sammler, die von ihm gestaltete und bewusst kombinierte äußere Hülle seiner Video-Skulpturen mit jeweils aktueller neuer Technologie auszustatten.

Arbeit an der Nachschöpfung des Kunswerks im Atelier Baumann, 2018 © MSPT

2018 - 2019

Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit dem Künstler im Rahmen vorausgegangener Restaurierungen und auch Name June Paiks öffentlich immer wieder bekundeter Haltung zum Original und zur Konservierung seiner multimedialen Werke, konnte das Museumsteam eine große wissenschaftliche Expertise von Restauratoren und Kunsthistorikern zusammenführen, die 2018 zu einem außergewöhnlichen Ergebnis führte.

Die Skulptur wurde in Einzelteile zerlegt. Das Pferd brachte man zur Nachschöpfung in das Atelier von Anselm Baumann. Dort strich er es mit einer dicken rosafarbenen Schicht aus Silikon ein, die in jede Falte und kleinste Pore des Pferdes eindrang. Nach einigen Tagen bildete die Silikonschicht eine elastische, detailgetreue Abformung um das Pferd. Da das Material keinen Halt bot, wurde eine weitere dicke Schicht Abformmasse aufgetragen. Danach war das Pferd weiß und sah aus als habe man es dick mit Zuckerguss eingestrichen.

Damit die ausgehärtete Form gut von dem Original abgenommen werden konnte, hatte Anselm Baumann vorher eine Naht aus Pappe angebracht: Sie markierte das gesamte Pferd in zwei Hälften. Dort wo sie verlief, war die Abformung getrennt abnehmbar. Die beiden Formen des Pferdes wurden mit flüssigem Kunststoff ausgestrichen. Nach dem Originalpferd war er zuvor mit Pigmenten eingefärbt worden. Nach dem Aushärten wurden die beiden Hälften zusammengesetzt und die Naht wurde so bearbeitet, dass sie unsichtbar wurde. Viele Stunden arbeitete der Künstler in seinem Atelier an der Nachschöpfung. Dann wurden die beiden Pferde nach Heusenstamm in die Museumssammlung gebracht.

Paik verwendete für die Gestaltung des Reiters Objekte aus der Sammlung. Dank glücklicher Umstände können von den historischen Kommunikationsgeräten alle ersetzt werden. Die Doubletten werden für die Nachschöpfung des Reiters verwendet.

Die Nachschöpfung von Nam June Paiks Pre Bell Man im Atelier Baumann, 2018 © MSPT, Foto: S. Kösling

Nam June Paiks Pre Bell Man bei der Restaurierung © MSPT

Tagung

Internationale Experten zu Restaurierung von Medienkunst und künstlerischer Authentizität

Am 14. März 2019 werden wir einen Tag lang mit internationalen Experten ausgehend von der Nachschöpfung des prominenten Reiters Aspekte der künstlerischen Authentizität diskutieren. Fragen wie "Wo fängt das Original des Kunstwerks an?", "Wie darf es zu seinem Erhalt von Restauratoren behandelt werden?" und "Was macht eigentlich multimediale Kunst aus?" stehen im Fokus der Vorträge und anschließenden öffentlichen Diskussion.

Es werden sprechen Prof. Dr. Wulff Herzogenrath, der Nam June Paik 1974 erstmals in Deutschland ausstellte, Prof. Dr. Bernhard Serexhe, Herausgeber des ZKM books digital art conservation, die Restauratorinnen Zeeyoung Chin und Kathrin Sündermann, sowie die Expertinnen Hanna B. Hölling und Dr. Franziska Stöhr. Die Sicht des Sammlers digitaler Kunst vertritt der Frankfurter Sammler Mario von Kelterborn. Mit ausgewählten Werken aus seiner Sammlung werden wir am 5. Juni 2019 die Begleitausstellung zur Wiederaufstellung eröffnen.

Anmeldung buchungen-mfk@mspt.de oder (069) 60 60 650
Kosten 15 Euro / 7,50 Euro ermäßigt
Programm https://www.mfk-frankfurt.de/tagung-paik-medienkunst

Ausstellung

Die Rückkehr des Pre Bell Man. Nam June Paik und zeitgenössischeMedienkunst aus der Sammlung von Kelterborn

Ismaël Joffroy Chandoutis – Natalie Djurberg – Die Tödliche Doris – Teboho Edkins – Nezaket Ekici – Murray Gaylard – Gary Hill – Friedrich Kunath – Bjørn Melhus – Nam June Paik – Laurina Paperina – Anke Röhrscheid – Jeremy Shaw – Mariana Vassileva – Hu Weiyi – Tobias Zielony

6. Juni 2019 bis 19. Januar 2020

Mit ausgewählten Arbeiten aus der reichen Sammlung von Kelterborn,  Exponaten aus der Mediensammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation und ergänzenden Leihnahmen von Wulf Herzogenrath vermittelt die Ausstellung die Besonderheiten von Video-Kunst, kontextualisiert Nam June Paiks medienkritische Positionen und führt sie fort bis zur Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler*innen mit Online-Spielen.

Museum für Kommunikation Frankfurt

Terminkalender

Aktuelle Termine des Museums für Kommunikation Frankfurt